Schlichter & Baumediatoren | | 03.03.2016

In welchen Phasen ist Mediation im Bau- und Immobilienbereich möglich?

Der Einsatz der Mediation und mediative Methoden kommt bereits zur Begründung vertraglicher Beziehungen in Betracht und kann dazu beitragen, dass die Parteien bereits ihr vertragliches Fundament wertschöpfend formulieren.

Mediation ist jedoch auch nach Vertragsabschluss, während der Projektdurchführungsphase sowie nach Projektabschluss möglich:

Der mediativ-kooperative Bauvertrag - Mediation in Vertragsanbahnung und Vertragsverhandlungen

Baukostensenkung und Konfliktvermeidung durch Veränderung der Bauvertragsstruktur - dieses Ziel verfolgt der Lösungsansatz eines "mediativ-kooperativen" Bauvertrags.

Die konventionelle Bauvertragsgestaltung führt nach Ansicht vieler Baubeteiligten unter Wettbewerbsbedingungen zur maximal möglichen Reduzierung der für die Bauleistung zu bezahlenden Vergütung. Bei näherer Betrachtung einer Vielzahl konventioneller Bauverträge werden diese Erwartungen aber fast nie erfüllt. Der letzten Endes zu bezahlende "Preis" ist wegen der "Nachtragsanfälligkeit" der konventionellen Vertragsstruktur und oft hinzutretender Konfliktbehandlungskosten regelmäßig viel höher, als die bei Vertragsschluss vereinbarte Ursprungs-Vergütung.

Die mediativ-kooperative Bauvertragsgestaltung sorgt demgegenüber dafür, dass der finanzielle Gesamtaufwand aus "Vertragspreis und Kooperationsaufwand" geringer ist, als die Summe aus „Vertragspreis, Nachträgen und direkten sowie indirekten Kosten der Konfliktbehandlung“ bei der konventionellen/konservativen Bauvertragsgestaltung: Kooperative, mediative Vertragsgestaltungen greifen die aus der Konfliktmediation bekannten Wirkmechanismen auf und überführen sie in entsprechende Vertragsklauseln bzw. in eine entsprechende, auf Kooperation aufbauende Vertragsstruktur.

Es handelt sich dabei keineswegs um "softe" Verträge, sondern um eine andere Struktur und einen anderen Aufbau der Verträge: Die aus der Konfliktmediation bekannten Begriffe "Nullsummenspiel" und "win-win-Situationen" lassen sich auf die Vertragsmediation übertragen: Anstatt mit Vertragsstrafen wird mit Anreizsystemen gearbeitet und es wird ein gemeinsames Projektziel vertraglich festgelegt: Die gegensätzlichen Interessen werden nicht gegeneinander ausgespielt und Risiken abgewälzt. Vielmehr werden gemeinsame Interessen definiert und Risiken angemessen verteilt.

Der Auftragnehmer wird quasi dafür "belohnt", keine Nachtragsforderungen zu stellen. Kooperationsfördernde Gestaltungselemente treten an die Stelle konflikterzeugender Mechanismen. Bereits bei Vertragsabschluss wird ein Konfliktmanagementsystem vereinbart, das den Parteien während der Projektabwicklung helfen soll, auftretende Probleme zu lösen.

Im Rahmen des in Australien eingesetzten Alliance-Contracts sind die Grundgedanken des kooperativen Bauvertrages bereits praktisch erprobt.

Projektbegleitende Mediation: Mediation in Projektdurchführung und Realisierung

Die projektbegleitende Mediation eröffnet den Baubeteiligten bereits während der Phase der Projektdurchführung die Möglichkeit, dauerhaft und selbstbestimmt tragfähige Lösungen im Falle auftretender Schwierigkeiten zu finden.

Hierbei unterscheidet sich die Mediation grundlegend von anderen Verfahren der Konfliktbearbeitung, die den Parteien oftmals nur vorläufige und fremdbestimmte Lösungsansätze anbieten können.

Im Gegensatz dazu bleiben die Parteien bei der projektbegleitenden Mediation selbst die Entscheider ihres Konflikts. Die damit einhergehende Akzeptanz der gefundenen Lösung führt regelmäßig zu einer endgültigen Beilegung des Streits und verhindert ein bloßes Hinausschieben der endgültigen Konfliktbereinigung.

Konfliktmediation: Mediation im Konfliktfall sowie nach Projektabschluss

Die baugerichtliche Praxis zeigt, dass Baustreitigkeiten nach einer oft jahrelangen Verfahrensdauer häufig nur zu einem unbefriedigenden Vergleich führen. Auf dem Weg dorthin wenden die Parteien regelmäßig wertvolle Ressourcen auf. Die Qualität des gefundenen Verfahrensabschlusses hängt aufgrund der Abgabe der Entscheidungskompetenz an Dritte von zahlreichen Zufällen ab, die die Parteien nicht selbst beeinflussen können.

Die Mediation bietet den Baubeteiligten demgegenüber die Möglichkeit, zielgerichtet kostengünstig, schnell und vor allem selbstbestimmt eine dauerhafte Erledigung des Konflikts zu erreichen. Ressourcenvergeudende Umwege werden vermieden. Die Parteien behalten während des gesamten Mediationsverfahrens die Entscheidungskompetenz zur Konfliktlösung selbst in der Hand.

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Schlichter & Baumediator Dr. Martin Jung

Dr. Martin Jung
Schlichter & Baumediator

Rechtsanwalt, Fachanwalt für Bau– und Architektenrecht, Wirtschaftsmediator, Schlichter SoBau,

Vorsitzender des Vorstandes des Verbandes der Baumediatoren e.V.

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